Die Welt ist im Umbruch. Ein neuer technologischer Superzyklus stellt europäische Unternehmen vor die Herausforderung, Prozesse und Strukturen anzupassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Gespräch mit Andreas Obereder, Founder & CEO von ATOSS, werfen wir einen Blick in die Zukunft des Workforce Managements und sprechen darüber, wie Europas Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen können.
Andreas, laut „Handelsblatt“ ist ATOSS eines von NUR 309 börsennotierten Unternehmen weltweit mit mehr als einer Milliarde Euro Unternehmenswert - und einer kontinuierlichen jährlichen Rendite von über 20 Prozent über die vergangenen zehn Jahre. Was sagt uns das?
Auf jeden Fall, dass man aus Europa heraus international nach wie vor unternehmerisch sehr erfolgreich sein kann – wenn man echte Probleme für seine Kunden löst.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in der „Handelsblatt“- Analyse nur zwei deutsche Unternehmen sind. Ist das nicht ein Warnsignal für uns?
Eher ein Glockenschlag, der zwölf Uhr schlägt. Schluss mit Abwägen, Abwarten, Abgleichen – wir alle, Unternehmen, Menschen und Staat, müssen jetzt mit Mut handeln, um aus eigener Kraft das Ruder herumzureißen.
Das klingt dramatisch …
… und das soll es auch. Andere Volkswirtschaften stellen uns mit ihrem Produktivitätswachstum in den Schatten. Während in den vergangenen drei Jahren in den USA laut EZB die Arbeitsproduktivität pro Kopf um etwa sieben Prozent gestiegen ist, war sie in Europa im gleichen Zeitraum rückläufig! Wir treten bestenfalls auf der Stelle.
In der Tat alarmierend – was erklärt deiner Meinung nach den Unterschied?
Ein entscheidender Grund ist die Leistungsfähigkeit heutiger Technologie - insbesondere die Produktivität moderner nativer Cloud-Lösungen! Die Digitalisierung entfaltet ihr Potenzial erst dann in vollem Umfang, wenn sie über alle Unternehmensprozesse hinweg eingesetzt wird. Nur Ende-zu-Ende digitalisierte Prozesse fördern maximale Benefits in Form von überproportionalen Produktivitätssteigerungen zu Tage. Ich bin immer wieder überrascht und schockiert von der unglaublichen Menge an Prozessen, die heute noch mit Papier und Excel in europäischen Unternehmen abgewickelt werden.
Was kommt auf diese Unternehmen in der Zukunft zu?
Wir stehen vor einem neuen technologischen Superzyklus! Die Technologien der künstlichen Intelligenz und des Quantencomputings ergänzen sich und führen so zu exponentiellen Effekten. Diese Rechner – derzeit mit Faktor 50 der heutiger Rechenleistung ausgestattet – werden schon Anfang 2027, zum Beispiel bei PSI Quantum aus Palo Alto, zur Verfügung stehen. Innerhalb der nächsten 12 bis 24 Monate beginnen auch die starken, effizienzfördernden Benefits von künstlicher Intelligenz zu wirken. Die Karten werden neu gemischt, und nur denjenigen, die das zu nutzen verstehen, bieten sich enorme Chancen! Alle anderen werden abgehängt.
Die Digitalisierung entfaltet ihr Potenzial erst dann in vollem Umfang, wenn sie über alle Unternehmensprozesse hinweg eingesetzt wird. Nur Ende-zu-Ende digitalisierte Prozesse fördern maximale Benefits in Form von überproportionalen Produktivitätssteigerungen zu Tage.
Andreas F.J. Obereder | CEO und Gründer, ATOSS
Das klingt optimistisch – und gleichzeitig wie eine Bedrohung. Viele Unternehmen schaffen die digitale Transformation nicht, und das Investitionsniveau in Europa ist nur halb so hoch wie in den USA.
Richtig, es gibt eine Bedrohung. Aber sie geht von Zögern, Selbstgefälligkeit und der Illusion aus, dass wir Zeit zum Warten haben. Die Zeit des schrittweisen, inkrementellen Wandels ist vorbei. Wir befinden uns jetzt in der Phase „Disrupt or Die“. Wir benötigen Mut und Entrepreneurship, denn uns stehen wenige entscheidende Jahre bevor, in denen Länder, Branchen und Unternehmen die Chancen der Digitalisierung ergreifen müssen. Die Chance, in wenigen Jahren so viel zu bewegen, hat man nicht oft im Leben. Ich empfinde es als unheimlich motivierend und belebend, in dieser Zeit gemeinsam mit den über 800 Mitarbeitenden von ATOSS dazu beitragen zu können, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen in Europa nachhaltig und entscheidend zu verbessern!
Vergangenes Jahr hast du die Zukunftsaussichten Europas noch sehr kritisch eingeordnet. Wie sieht deine Zwischenbilanz aus?
Die Lage ist sehr ernst. Machen wir uns nichts vor - es geht um unseren Wohlstand, der wiederum darüber entscheiden wird, wie wir und unsere Kinder leben werden. Geschäftsmodelle, nicht nur von Unternehmen, sondern von ganzen Ländern verlieren aktuell ihre Grundlage. Der demografische Wandel wird das Problem beim Produktivitätswachstum noch verstärken. Aber, es ist noch nicht zu spät - wir haben eine historische Chance!
Und du glaubst an diese historische Chance für Europa?
Warum nicht? Die Voraussetzungen sind da. Die innovativsten Unternehmen der Welt wenden sich übrigens nicht von Europa oder Deutschland ab – sie investieren. Apple-CEO Tim Cook zählt das Münchner Ingenieurteam zur „innovativen Weltspitze“, das zu wegweisenden Entwicklungen im Chip-Design beiträgt. Sam Altman, der CEO von OpenAI, hat Deutschland im Februar 2025 den Startschuss für seinen Technologiestandort in Europa gegeben.
Der Großteil der Unternehmen scheitert aber noch immer bei der digitalen Transformation.
Ja, das stimmt. Laut Porsche Consulting verfehlen derzeit 85 Prozent der Unternehmen ihre Ziele bei Digitalisierung und Automatisierung. Eines der größten Missverständnisse dabei ist der Glaube, jahrzehntealte Software oder On-Premises-Systeme könnten als digitale Transformation qualifizieren. Das ist keine Transformation, sondern Augenwischerei. Bei der Digitalisierung geht es nicht um schrittweise IT-Upgrades, sondern um eine grundlegende Umgestaltung der Art und Weise, wie Unternehmen in einer Welt der Geschwindigkeit, Intelligenz und Automatisierung das Überleben bestimmen. Wir brauchen eine Kultur der kompromisslosen Digitalisierung.
Was meinst du mit „kompromissloser Digitalisierung“?
Keine halben Sachen, keine alte Infrastruktur und keine fragmentierten Systeme, sondern ein umfassendes und wirklich konsequentes Engagement für native, cloudbasierte, KI-gesteuerte, vollständig integrierte Abläufe. Und ich sehe hier ein beginnendes Umdenken. Ein gutes Beispiel dazu ist der Healthcare-Bereich, eine Branche, die man nicht unbedingt mit digitaler Innovationsführerschaft verbinden würde. Wir haben allein im letzten Jahr, 2024, sechs große Klinikbetreiber mit in Summe über 80.000 Mitarbeitenden als Neukunden gewonnen. Fünf der sechs Betreiber gehen mit uns in die Cloud. Vor zwei Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Das ist volkswirtschaftlich ein enorm wichtiger Beitrag für Europa, hier am Beispiel Deutschland dargestellt: Fast sechs Millionen Menschen in Deutschland sind heute pflegebedürftig – und diese Zahl wird in den kommenden Jahren auf sieben Millionen steigen. Diese Zahlen verdeutlichen: Der Bedarf an Pflegeplätzen nimmt rasant zu. Jedes Jahr benötigen wir 13.000 neue Plätze – bei aktuell nicht vorhandenem Pflegepersonal.
Was ist die Lösung für den noch dramatischer werdenden Pflegepersonalnotstand?
Dazu benötigt es natürlich eine ganze Menge mehr: Was wir dazu beitragen können, ist die signifikante Entlastung des bestehenden Personals von administrativen Aufgaben. Das sind teilweise bis zu 50 Prozent der Arbeitszeit bei Ärzten, Pflegedienstleitung etc. In Summe ist das eine bedeutende Kapazitätssteigerung, die auf Patientenseite dringendst benötigt wird.
Aber kommt die Art von Veränderungen nicht zu spät oder zu langsam?
Nein, jeder Tag ist eine neue Möglichkeit, seine Zukunft zu gestalten. Aber klar ist auch: Mit jedem Tag später wird die Aufholjagd zum Wettbewerb schwerer. Ein tolles Kundenbeispiel dafür habe ich auch aus dem Handel: Vor drei Jahren gab es einen CEO-Wechsel bei einem europäischen Einzelhändler mit etwa 30.000 Mitarbeitenden. Der neue CEO hat ad hoc den Handlungsbedarf beim Thema Digitalisierung erkannt und über 30 Projekte priorisiert. Mit dabei die Einführung unseres digitalen Workforce Management-Systems mit dem Ziel, die Servicelevel für Kunden signifikant zu steigern, mehr Umsatz zu erzielen – trotz weniger Kunden und weniger Mitarbeitender aufgrund des Fachkräftemangels. In nur neun Monaten wurde unsere Lösung auf hunderte Standorte erfolgreich ausgerollt. Die Lektion ist klar: Mut zur Veränderung und Geschwindigkeit sind wichtig.
Haben Unternehmen ohne ein erstklassiges Workforce Management überhaupt eine Überlebenschance?
Nein, dafür sind die Anforderungen an Flexibilität, kontinuierliche Produktivitätssteigerung und Attraktivität als Arbeitgeber im Kampf um Fachkräfte zu hoch. Immer häufiger bestätigen uns Kunden: „Ohne ein solches Tool ist ein modernes Management heute nicht mehr möglich.“ Diese Bedeutung wird weiter zunehmen. Die Bertelsmann Stiftung sieht für die kommenden Jahre allein in Deutschland die Möglichkeit, 1,5 Mio. „Rentner“ im Arbeitsmarkt zu halten. Das ist eine gute Idee angesichts des Fachkräftemangels. Ohne spezielle Arbeitszeitmodelle und intelligente Einsatzplanung wird das aber nicht funktionieren.
Digitale Systeme produzieren wertvolle Daten – ist die Analyse dieser durch „Workforce Analytics“ ein Modewort oder der Gamechanger?
Nein, Workforce Analytics ist kein Modewort. Unsere Welt wird täglich komplexer, die zur Verfügung stehende Datenmenge steigt exponentiell. KI-gestützte Workforce Analytics ermöglicht es, Risiken entlang der Prozesse zum Personaleinsatz - beispielsweise Personalengpässe - zu erkennen, bevor sie entstehen. Es optimiert Arbeitskosten und Produktivität, ohne die Qualität zu beeinträchtigen. Zudem ermöglicht es, Anpassungen in Echtzeit vorzunehmen und den Betrieb mit maximaler Effizienz aufrechtzuerhalten. Dies ist kein Trend, sondern die Grundlage für Erfolg in der Zukunft.
Ich empfinde es als unheimlich motivierend und belebend, in dieser Zeit gemeinsam mit den über 800 Mitarbeitenden von ATOSS dazu beitragen zu können, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen in Europa nachhaltig und entscheidend zu verbessern!
Andreas F.J. Obereder | CEO und Gründer, ATOSS
Wie verändert KI über Workforce Analytics hinaus den Bereich Workforce Management?
KI ist natürlich ein zentraler Teil unserer North Star Strategy 2030. Wir reden hier über eine ganz neue Art von Workforce Management. Wir bei ATOSS sprechen von Workforce Management 5.0 und einem „People First Approach“ – einer ganz neuen Dimension von Interaktion zwischen Mensch und Software. Unternehmen, die Workforce Management 5.0 einsetzen, verbessern nicht nur ihr Workforce Management, sondern bauen auch Geschäftsmodelle auf, die flexibler, widerstandsfähiger und profitabler sind. Die Unternehmen, die KI-gesteuertes Workforce Management einsetzen, werden sich einen enormen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Alle unsere heutigen Cloud-Kunden werden die Möglichkeit haben, an diesen Entwicklungen teilzunehmen.
Wir werden also durch KI auch eine Disruption am Markt der Workforce Management-Anbieter sehen?
Ja, natürlich, und diese hat bereits begonnen. International tragfähiges und auf weltweite Gesetze anwendbares digitales Workforce Management aus der Cloud ist ein dickes Brett. Dies gilt es zu durchbohren. Das verlangt neben viel Erfahrung und Investitionskraft auch das Vertrauen der Kunden, dass ATOSS auch morgen die richtigen Lösungen liefern wird.
Hand aufs Herz, Andreas. Wie stark revolutioniert KI denn heute die Arbeit bei ATOSS?
Fakt ist: Allein im Bereich R&D verzeichnen wir Produktivitätszuwächse von mehr als 20 Prozent! ATOSS ist komplett „cloudifizert“. In den vergangenen drei Jahren haben wir
dafür über 40 neue Systeme eingeführt.
Zum Abschluss: Wird 2025 das 20. Rekordjahr in Folge für ATOSS?
Wir arbeiten alle hart und fokussiert daran, dieses Jahr zum 20. Rekordjahr in Folge zu machen, und ich bin sehr guter Dinge, dass uns das gelingen wird. Die Zukunft ist auf unserer Seite. Genauso wichtig ist uns aber, dass wir uns, im Kontext unserer Agenda 2030, mit großen Schritten für die Zukunft aufstellen. An dieser Stelle möchte ich meinen Dank aussprechen für das Vertrauen unserer Kunden und Partner in ATOSS und für die Leidenschaft, den Mut und die Tatkraft unserer Mitarbeitenden!